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Warum COVID und Lockdown die digitale Transformation des Gesundheitssystems massiv beschleunigen

Wenn ein Virus wie COVID 19 die Möglichkeiten zu persönlichen Zusammentreffen auf ein Minimum schrumpfen lässt, eröffnen sich um so mehr Möglichkeiten der digitalen Welt, da der Druck besteht, Probleme anzugehen und man sich nicht mehr hinter Vorwänden verstecken kann. So auch im Gesundheitssystem. Eine noch bis vor kurzem als utopisch betrachtete Verdichtung wirtschaftlich günstiger Faktoren im Gesundheitsmarkt schafft, wie selten zuvor, beste Voraussetzungen für Unternehmensgründungen, Innovation und Wachstum in der Gesundheitsbranche.


Bereits vor der Pandemie waren Anzeichen umwälzender Veränderungen im digitalen Gesundheitswesen zu bemerken:

  • organisatorische “Entflechtung” der Krankenhäuser als Pflegedienstleister aus “einem Guss”, bzw. deren Aufspaltung in Verkaufs-, stadt-/gemeinde-abhängige- und virtuelle Settings

  • Fortentwicklung von “allgemeinen Dienstleistungskosten” hin zu wert- bzw. ergebnisbasierten Vergütungssystemen

  • Zentrierung des Kunden als “Distributionskanal” für Produkte und Dienstleistungen

  • Effektivere Strukturierung der Lieferanten - Netzwerke im Sinne einer optimierten Inter-Operabilität

  • Automatisierung und Prozessoptimierung bisher manuell ausgeführter Routine-Tätigkeiten

An sich ging man davon aus, dass diese Modifikationen an die 10 Jahre bis zur anwendbaren Implementierung dauern würden, doch durch COVID 19 wurde der Prozess massiv beschleunigt und jetzt werden Veränderungen in nur 2 - 3 Jahre stattfinden. Die Erstattungsfähigkeit digitaler Gesundheitsanwendungen wie Apps, die digitale Patientenakte und das E-Rezept geraten in greifbare Nähe ...


Kurz gesagt: Die fundamentale Topographie des Gesundheitswesens und der gesamten Industrie ändert sich gerade sehr radikal, direkt vor unseren Augen - und wird alle Datenwege und operationalen Prozesse betreffen.



Die Verschiebung einer gesamten Industrie



Tatsache ist, dass diese Verschiebung sowohl auf der Nachfrage- als aber auch der Angebotsseite zu beobachten ist:

So hat bspw. die Kassenärztliche Vereinigung der Länder in Deutschland seit Beginn der Pandemie einen deutlichen Zuwachs von Videosprechstunden festgestellt. „Schätzungen der KBV zufolge nutzen derzeit rund 25.000 Arztpraxen die Videosprechstunde und damit etwa ein Viertel aller Praxen. […] Das entspricht einem nennenswerten Wachstum von 1.470 % - noch bis Ende Februar haben lediglich 1.700 Praxen Videosprechstunden angeboten“...

Ähnlich wie Restaurants, die ihre Speisekarte kürzen um die Lieferkette übersichtlicher und kosteneffektiver zu gestalten, sind auch Krankenhäuser und Healthcare Dienstleister gezwungen, sich quasi nur noch auf das Kerngeschäft zu konzentrieren, sprich: die wesentlichen Dienstleistungen. Das wiederum erzeugt eine gewisse Sensibilität in den Randbereichen, sodass bspw. veraltete Dienstleistungen wie “First Class” Behandlung, Labordienstleistungen und der Behandlungsbereich “chronische Krankheiten” quasi “hinten über” fallen.Traditionelle Dienstleister erleben neue Mitkonkurrenten, die im bisher zentralen Leistungsportfolio merklich mitmischen.

Heisst, die Konkurrenz bestehender traditioneller Angebote ergibt sich nicht nur aus den lokalen Märkten, sondern bestimmt sich mehr oder weniger global, zu allen Tages- und Nachtzeiten und wird auf allen verfügbaren Kanälen (Textnachtrichten, Video, Heimvisiten etc.) realisiert.


Gleichzeitig vermindert sich die Nachfrage nach Mitarbeitern auf Dienstleistungsseite (während der letzten Wirtschaftskrisen war Healthcare immer noch das einzige Segment mit steigender Arbeitskraft). Da der Fokus nun aber - gezwungenermaßen - auf zunehmender Effizienz liegt, lautet das Credo der Zukunft: Mehr Aktivitäten mit weniger Aufwand und Personal. Dafür investieren in Technologie, Digitalisierung von Prozessen und Informationen zur Schaffung relevanter Services.

International betrachtet, führt auf der Nachfrageseite (also der Patienten in spe) gleichzeitig eine Art Massenarbeitslosigkeit zu massiven Umschichtungen im Bereich Versicherungsabdeckung, da die “Konsumenten” den Zugriff auf Angestellten - gesponserte Gesundheitsdienstleistungen verlieren. Große Zahlen von Konsumenten werden plötzlich durch Sozialdienste unterstützt, bleiben unversichert oder unbehandelt, suchen nach alternativen Mitteln der Abdeckung. Die Erschwinglichkeit der Gesundheitsdienstleistungen rückt in den Fokus - als auch dringend notwendige Verhaltensänderungen der etablierten Player in der Gesundheitsversorgung, allen voran die großen Pharmaunternehmen...

Die Neuverdrahtung bestehender Wertschöpfungsketten im Gesundheitssystem ist demnach unabdingbar. Frühere Dienstleister, die Patienten immer nur einen Teil ihres Weges begleiteten (was mitunter zu übermäßiger Fragmentierung, schlechter interdisziplinärer Kommunikation und überhöhten Kosten aufgrund redundanter Prozesse führte) werden den “Digital First” Anbietern weichen, die ihre Patienten in Zukunft von A-Z betreuen. Anbieter, die ein für viele Gesellschaftsschichten und -ansprüche passendes System bzw. Plattform bieten können und werden die Gewinner sein.

Aber! Ist auch die Entflechtung traditioneller medizinischer Versorgungselemente zwar wünschenswert - birgt sie dennoch die Gefahr einer übermäßigen Datenfragmentierung, Stichwort EHR - der “Electronic Health Record”.

Auch hier hat die Anwendbarkeit und Qualität der Datenverarbeitung durch COVID 19 und die Notwendigkeit eines ferngesteuerten Patientenmonitoring einen kleinen Quantensprung vollbracht: Selbst wenn virtuelle Klinikdaten aus Altbeständen der traditionellen EHR Data Stores gezogen werden, fließen die neu generierten Daten in der Regel nicht zurück in diese EHRs. Der Dreh- und Wendepunkt verschiebt sich zunehmend weg von inhaber- und altsystem-gesteuerten Datensystemen hin zu den hochauflösenden, nachhaltigen Daten, die die neuen Verfahren generieren.


Gesetzgebung als Katalysator


Vorgenannte Veränderungen als solche sollten schon überzeugen, welche ungeahnten Möglichkeiten in der derzeitigen digitalen Entfaltung des Gesundheitswesens liegen.

Gesetzgebung, Reglementierungsgremien und Vorschriftenlage, oft als Buhmann für ein Manko an Innovation genutzt, waren entgegen aller “negative publicity” mitunter treibender Katalysator für die Implementierung führender Plattformen und Unternehmen in der Gesundheitsfürsorge der letzten Jahrzehnte. Wir profitieren aktuell deutlich von den kritischen Ansätzen der Gesetzgebung bzgl. Telegesundheit, Vergütungssystemen, Lizenzierungen und Interoperabilität der unterschiedlichen Instanzen.


Eine Chance für Startups und digitale Geschäftsmodelle


Ultimatives Ziel im Gesundheitswesen ist zweifelsfrei die Entwicklung eines kosten - effektiveren Versorgungssystems ohne Qualitätsverlust. Um an diesen Punkt zu gelangen, ist allerdings ein konsequentes Umdenken vom vorherrschenden Bild einer Medizin, die intuitivem menschlichen Urteilsvermögen unterworfen ist, erforderlich. Die neue Idee: Eine wesentlich digitalerer, technologiegestützter Ansatz, der wiederverwendbare Komponenten und chiffriertes Wissen einsetzt und damit eine 10fach gesteigerte Effizienz erzeugt.

Dies allein ist nur durch Technologie als Bindeglied für Lernen, Automatisierung und wiederholbare Prozesse zu erreichen. Ein weiterer Grund, der die derzeitige Phase so einzigartig macht: Die Möglichkeit, Technologie in Bereiche des Gesundheitssystems einzubringen, die die historisch betrachtete Barriere überspringt und Neues zum Wohl der Menschen möglich macht.

Neues Betriebssystem für Gesundheits-Betreuung


All diese Veränderungen bringen neue Geschäftsmodelle mit sich (bspw. wertorientierte Versorgung und Vergütung, prospektive Zahlungen, B2C) als auch neue praktische Ansätze (z.B. virtuelle- / bzw. Heimbetreuung, kontinuierliches Monitoring, die elektronische Patientenakte etc.).


Die Infrastruktur der digitalen Healthcare Generation wird Patienten als primäre Endverbraucher behandeln, über flexible und skalierbare Datenmodelle verfügen und grundsätzlich so dicht vernetzt sein, dass Dienstleister, Ärzte, Versicherungsträger, Finanzabteilungen und Patienten problemlos miteinander interagieren können. Und, natürlich: Dieses Betriebssystem wird einen Hauptteil der “mechanischen” Administrationsaufgaben und klinischen Tätigkeiten automatisieren (im Gegensatz zu Systemen, die Armeen an Mitarbeitern bedingen um Dateneingaben, Anfragen und Telefonanrufe zu bewältigen). Demografischer Wandel, zu wenig Personal, steigende Kosten sind und bleiben Herausforderungen der heutigen Zeit.


Handling der Patientendaten


Die vernetzten Daten der Patienten via Datendienste als komplette Historie in Echtzeit zur Verfügung gestellt: Das ist definitiv ein Game-Changer. Nicht nur für die Gesundheitsdienste, sondern auch für wissenschaftliche und klinische Forschungsbereiche - wo Zugriff auf reelle Erhebungsdaten von erfolgskritischer Bedeutung ist. Doch vor allem öffnet es Tür und Tor für komplexere und zielgerichtetere Heilmethoden, die auf bestimmte Zielgruppen in der Bevölkerung ausgerichtet werden können.

Dank der neuen gesetzlichen Vorgaben, die geographisch bedingte Einschränkungen zu noch freiliegender Dienstleistungskapazität verhindern, beginnt man zunehmend in USA auf nationaler und nicht mehr regionaler Ebene zu denken und zu handeln. Die “passende Hilfe zur rechten Zeit am rechten Platz” bekommt damit eine vollkommen neue Bedeutung: Wenn es sein muss, kann der User nun mitten in der Nacht eine “on demand” Konsultation anfragen - bei einem Anbieter aus einer komplett anderen Zeitzone oder sich mit dem fachlich kompetenten nationalen Experten für eine bestimmte Krankheit austauschen, ohne dafür ein Flugzeug besteigen zu müssen.

Ein intelligenter Lastenausgleich, neue Routing-Mechanismen und einfach zu verwaltende Zugangsmöglichkeiten sind zur Evaluierung der für den Patienten geeignetsten Maßnahmen als auch der Zusammenstellung der gebotenen Dienstleister bzw. Dienstleistungen unabdingbar.

Die Frage des adäquaten Geschäftsmodells, das sich um das vorhandene Kader von Dienstleistern zieht, wird automatisch weitere, über all diesen Fragen stehende, Innovationen vorantreiben und neue Kooperationen bilden.

Um so mehr die Menschen die sozialversicherten Absicherungen verlieren (und auch Angestellte in Lohn und Brot sehen aktuell ihre Felle schwimmen aufgrund der ökonomischen und sozialen Einsparungen) - um so mehr wird die Nachfrage nach mehr modularen Versicherungsprodukten steigen, um den Grundbedarf zu decken und unter Umständen kleine Vorsorgepläne generieren zu können. Damit steht der Schaffung einer neuen Kategorie an Direktversicherungen nichts mehr im Wege, die mit erschwinglicheren Preismodellen, höherer Transparenz und einer angemessenen Ausrichtung an den Marktgegebenheiten und für Patienten punktet.



Aufgrund der Verlagerung von “persönlich” zu “komplett digital” entwickeln sich derzeit Szenarien, die noch vor wenigen Jahren für vollkommen unmöglich bewertet wurden. Nie dagewesene Änderungen in der Gesetzgebung und eine gewisse “ökonomische Betriebsamkeit” in der Interaktion von Dienstleistern und Konsumenten.


Viel spannender kann es nicht mehr werden, als genau jetzt, in punkto transformative Qualitäten von Unternehmensgründungen und Skalierung der Gesundheitsversorgung mit Ausblick auf die kommenden Jahrzehnte. Eine einzigartige Chance, bei der es jetzt gilt die bestehenden Potentiale zu erschließen.


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